Mit Stammtischparolen werden wir meistens plötzlich und unerwartet konfrontiert. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sie sind populär und populistisch: „Asylanten sind Sozialschmarotzer“, „Ausländer sind kriminell“, „Wegen der vielen Flüchtlinge kann sich keine Frau mehr auf die Straße trauen“ „Da sind doch alles nur Wirtschafsflüchtlinge“. Diese zu ignorieren und im Schweigen zu erstarren bedeutet Zustimmung. Also will ich dieser subtilen oder offen provokativen Stimmungsmache keine Bühne geben.
Doch welche Argumente, Fakten und Informationen können den populistischen Parolen und Sprüchen entgegengesetzt werden? Wie kann ich überzeugend meine Haltung zum Ausdruck bringen?
Um diese Fragen für mich zu klären und mich in meiner Handlungsfähigkeit zu stärken, habe ich an einem interaktiven Workshop mit Klaus-Peter Hufer teilgenommen. Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer erklärte uns die Ursachen sowie Erscheinungsformen von Rassismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. In der Gruppe mit zirka 20 Teilnehmenden, die altersgemischt, mit multikulturellem Hintergrund und sowohl professionell, wie auch ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, wurden vielfältige Erfahrungen gesammelt, in denen eine Konfrontation mit rassistischen und populistischen Äußerungen zu Überforderung und Unsicherheit, zu Angst und Wut geführt hatten. Während darauf folgenden der Rollenspiele traten verschiedene Phänome an die Oberfläche, die so gut benannt, eingeordnet und bearbeitet werden konnten. Mit der Analyse inhaltlicher, rhetorischer und emotionaler Aspekte wurden Strategien erkannt und Gegenstrategien entwickelt. Klaus-Peter Hufer veranschaulichte anhand vieler Beispiele den Rahmen, in dem wir als Individuen für die Demokratie wirksam werden können. Er sensibilisierte uns für rechtsradikale Strategien und Medien und gab uns interessante Tipps.
Menschen sind bis ins hohe Alter lernfähig und können umlernen. Mit dieser Erkenntnis kann ich also optimistisch die 10 von Hufer aufgestellten Ratschläge einüben, um handlungsfähig und wirksam für eine demokratische Gesellschaft einzustehen, Mitmenschen zu ermutigen und zu überzeugen:
Zehn Tipps zum Umgang mit populistischen Parolen (von Klaus-Peter Hufer)
- Tappen Sie nicht in die Komplexitätsfalle. Vermeiden Sie eine Argumentationsflut. Halten Sie sich vor Augen, was der Kern Ihrer Position ist. Sie wissen ja, dass es eine Verweigerungsstrategie gibt, mit der Ihr guten Argumente zunächst einmal weggewischt werden. Aber vertrauen Sie dennoch darauf, dass Sie gute Argumente haben.
- Lehnen Sie Kategorisierungen ab, und versuchen Sie, Verallgemeinerungen aufzulösen. Spricht Ihr Gegenüber etwa über „die Politiker“ oder „die Flüchtlinge“, erfragen Sie ganz konkrete Beispiele.
- Fordern Sie ihre Gesprächspartnerin / ihren Gesprächspartner auf beim Thema zu bleiben. Hinter einer Parole steckt oft ein ganzes Bündel von Einstellungen, von der Klimakatastrophe wird dann schnell zu der Politik, der Flüchtlingskrise den Islam, oder der Situation an Schulen gesprungen. Achten Sie darauf, den Faden nicht zu verlieren.
- Suchen Sie in größeren Gesprächsrunden nach Verbündeten. Sie erkennen sie an Mimik, Gestik und Körpersprache. Sprechen Sie unentschieden Wirkende an und fragen sie nach ihrer Meinung.
- Je nach Thema können Sie versuchen, eine Brücke zu bauen. Sie können ja zugeben, dass Sie sich auch erst mit der Situation einer sich verändernden deutschen Gesellschaft arrangieren müssen und auch Ihnen nicht alles nur Freude macht, was nun passiert, dass es durchaus Probleme gibt, die es zu bewältigen gilt. Aber was wäre die Alternative?
- Arbeiten Sie mit Ironie. In einigen Situationen kann das funktionieren. Ein Beispiel: Auf die Parole „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ antwortet man: „Ich wusste gar nicht, dass du früher mal eine Dönerbude hattest.“ Humor entspannt, aber nur, wenn niemand lächerlich gemacht wird.
- Fragen Sie immer weiter – bis zur letzten Konsequenz. Etwa: Wenn „die Politiker“ lügen, was wäre die passende Reaktion darauf? Sollen „Politiker“ abgeschafft werden? Soll ein Lügenverbot verhängt werden? Soll man eine Gesinnungskontrolle einführen? Ihre Gesprächspartner*innen entlarven sich dabei selbst, wenn sie alles mittragen. Oder sie erkennen, dass sie übertrieben reagiert haben. Vielleicht sehen sie sogar ein, dass Sie Recht haben.
- Lassen Sie sich nicht in endlose Diskussionen verwickeln. Sie können das Gespräch jederzeit beenden, wenn es sich im Kreis dreht. Denken Sie an Martin Luthers Empfehlung: „Mach’s Maul auf. Sprich’s gerade aus. Hör bald auf.“
- Seien Sie sich dessen bewusst, dass ein Gespräch nie wirklich zu Ende ist, wenn es formal beendet wurde. Auch wenn es zu einem abrupten Schluss kommt, kann das, was Sie gesagt haben, eine längerfristige Wirkung haben.
- Seien Sie gelassen: Sie allein können zwar die Welt nicht ändern, aber Sie sind nicht allein – viele denken so wie Sie.
Der Workshop „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ wurde angeboten als Baustein 4 von 9 im Rahmen des kostenlosen Fortbildungsprogramms für Ehrenamtliche in der Arbeit mit Geflüchteten 2025/2026 von der Evangelischen Hochschule Darmstadt, dem Evangelischen Dekanat Darmstadt und dem Freiwilligenzentrum Darmstadt.
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Auf Europäischer Ebenen gibt es ein Erasmus-Projekt, das darauf abzielt, „Instrumente und Methoden zu entwickeln, um den Slogans populistischer, extremistischer, sexistischer und auf Stereotypen basierender Bewegungen zu begegnen.“ https://www.standup4.eu/de/homepage_/



